Sonntag, 13. Juni 2010

Der Steinpfahl auf dem Wurmberg


Noch nie habe ich mich an einem Sonntag gelangweilt, vielmehr ist es für mich der schönste Tag der Woche. Mir scheint, dass die Menschen stiller werden, wenn sie nicht mehr einkaufen können und keine dringlichen Verpflichtungen haben. Eine Stimmung wie in einer Andacht, in der die Gedanken endlich die Ruhe haben, sich zu sammeln. Manchmal stelle ich mir so ein Gefühl durch Wochenendreisen her, ein kleiner Luxus, den ich mir ab und an gönne.

Im November letzten Jahres bin ich nach Braunlage in den Harz gefahren um dort den Wurmberg zu Fuß zu besteigen. Es war sehr kalt und windig und ich sichtete kaum andere Menschen; die Seilbahn war außer Betrieb und die Meisten kommen nur wegen des Skifahrens her. Meine Schuhe waren nicht wetterfest, so dass ich bereits nach den ersten hundert Metern nasse Füße hatte. Da entdeckte ich eine Bank am Wegesrand - sie war so eingeschneit, dass ich sie fast übersehen hätte - auf der ich mich kurz ausruhen wollte. Doch als ich mich näherte, bemerkte ich einen langen, schmalen Steinpfahl von ungefähr zwei Metern Höhe, mit einer Vertiefung im oberen Drittel. In dieser Kuhle war ein Bild gemeißelt, das die Gestalt eines Menschen erkennen ließ, darum waren eine Ähre und ein Rebstock abgebildet. Die Gestalt musste Jesus sein, ich wusste es sofort. Eine Wärme breitet sich in meinen Körper aus und ich spürte die Kälte nicht mehr. Ich ließ die Bank außer Acht und stieg in einem Zug die noch verbleibenden 800 Meter auf die Spitze des Berges.
Auf dem Rückweg wollte ich unbedingt wieder am Steinpfahl Halt machen, doch selbst nach langer Suche fand ich ihn nicht mehr.

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