Samstag, 15. Mai 2010

Mitten ins Schwarze

Am Tag, an dem der Unfall passiert war, bat mich meine Schwester zu ihr nach Hause zu fahren. Sie hat eine Tochter, die in die dritte Klasse geht und ich sollte auf sie aufpassen, solange die beiden im Krankenhaus waren. Sie hat es überraschend gefasst aufgenommen. Ich musste ihr mein Ehrenwort geben, dass ihre Eltern ganz schnell wieder gesund werden, das hat ihr genügt. Sie kennt mich relativ gut, weil ich ungefähr einmal pro Monat vorbeikomme. Am Abend half ich ihr bei den Hausaufgaben. Weil am nächsten Tag eine Klassenarbeit anstand, fragte ich sie noch ein paar Sachen ab. Sie konnte alles richtig beantworten, war aber trotzdem nervös. Ich war vor Prüfungen eigentlich nie nervös. Auch wenn ich niemand war, dem einfach alles zufliegt, hatte ich immer Glück. Denn wenn ich nicht alles schaffte zu lernen, lernte ich eben auf Lücke. Und es kam immer genau das dran, was ich gut konnte. So kam ich immer gut durch. Sogar bei der Führerscheinprüfung, auf die ich wirklich nicht besonders gut vorbereitet war, habe ich es gleich beim ersten Mal geschafft. Meine Schwester hat früher immer gesagt, dass ich ein Glückskind sei. Das sagt sie auch heute noch manchmal. Nur nach dem Unfall nicht. Da musste sie mich nur ansehen, und wir wussten beide, was sie meinte.

Donnerstag, 6. Mai 2010

Glück und Unglück

Es hat einen Grund, weshalb ich so lange nicht mehr online war. Dieser Grund ist sehr traurig und persönlich, gleichzeitig aber sehr positiv, weshalb ich mich entschlossen habe, trotzdem davon zu erzählen. Es gab einen Unfall. Als ich am 14. März abends mit meiner Schwester und ihrem Mann in die Kirche fuhr, rammte uns im Kreisverkehr ein BMW. Er traf die Front an der Seite des Wagens, so dass mein Schwager die Kontrolle über das Steuer verlor und von der Spur abkam. Dort wurden wir erneut gerammt, diesmal an der rechten Front, wo meine Schwester im Beifahrersitz saß.

Es war alles wie in Zeitlupe, ich konnte nur zuschauen, als wäre das ein Film, den ich sehe, nicht die Wirklichkeit. Plötzlich sah ich Blut. Dann blieb das Auto stehen. Mein Schwager schrie etwas, meine Schwester rührte sich nicht, aus ihrer Nase lief Blut. Meine Hände zittern, während ich das hier schreibe. Ich dachte, sie wäre bewusstlos geworden. Und in dem Moment erfasste mich plötzlich eine Ruhe, von der ich nicht sagen kann, wo sie herkam. Ich zog mein Handy aus der Tasche und wählte 112, dann sah ich zu meinem Schwager, der die Augen geschlossen hielt und röchelnd atmete. Ich sagte ihm, dass alles gut wird und ergriff die Hand meiner Schwester, um ihren Puls zu fühlen. Er schlug ganz regelmäßig, aber ihre Hand hing schlaff herunter. Doch als ich ihre Hand leicht drückte, spürte ich eine leichten Gegendruck, mit dem sie meine Geste erwiderte. Wenige Sekunden bevor der Notarzt kam, schlug meine Schwester die Augen wieder auf. Obwohl sie Schmerzen haben musste, ist sie ganz ruhig sitzen geblieben und hat weiter meine Hand gehalten. Dann trugen die Sanitäter meine Schwester aus dem Wagen und nahmen auch meinen Schwager mit, der noch ziemlich benommen war. Ich stieg selbst aus dem Auto. Mir war gar nichts passiert.


Die ganzen Bilder kommen wieder, die Angst um meine Schwester, aber vor allem das erstaunliche Moment der Ruhe, das mich so plötzlich erfasste. Noch immer kann ich es nicht ganz fassen. Meiner Schwester geht es wieder sehr gut, sie hat sich zum Glück nur das Nasenbein gebrochen. Mein Schwager hat eine Rippenprellung. Er tut sich noch schwer damit, wieder Auto zu fahren und hat anscheinend einen leichten Schock erlitten. Mir hingegen ist nichts passiert. Auch während des Unfalls fühlte ich mich mehr wie ein Zuschauer, als ein Beteiligter. So als könnte meinem Körper nichts passieren, als sei ich da, um das Richtige im richtigen Moment zu tun. Im Nachhinein bin ich sehr froh, dass ich da war.